Verfasser:
Prof. Dipl. Ing. M. Arch. Felix Waechter
Dipl. Ing. Sibylle Waechter
M. Sc. Teresa Burmester
Mitarbeit:
M.Sc. Patrick Schürmann
Fachplaner:
Tragwerksplanung merz kley partner GmbH, Dornbirn: Konrad Merz
Fachplaner:
Modellbau: gbm modellbau gmbh, Darmstadt
Visualisierung: PONNIE Images

BEURTEILUNG DES PREISGERICHTS:

 

Die Arbeit liefert mit dem Grundmotiv der Streuobstwiese ein solides und selbstverständliches Freiraumgerüst, das durch seine Leichtigkeit und Gelassenheit besticht. Die fast romantisch anmutende Landschaft nimmt Bezug auf die Kulturlandschaft der Region und verspricht zusammen mit den einzelne Bäume ersetzenden Schirmen eine erholsame Pause von der Autofahrt. Gleichzeitig wird die zurückhaltende Sprache kontrovers diskutiert und die Wahrnehmung des Areals als Energie-Ladepark bzw. seine Adress-/ Imagebildung in seiner landschaftlichen Umgebung von der Jury unterschiedlich bewertet. Der gewünschten Anbindung an den Goldbergsee wird nachgekommen, die diagonale Durchquerung für Fahrradfahrer wird beibehalten.

Die verkehrliche Abwicklung funktioniert grundsätzlich, jedoch überzeugt die Einbahnstraßenregelung nicht vollends, denn bei Belegung der ersten Reihe müsste eine weitere Schleife über die Zubringerstraße gefahren werden. Zur Verortung der geforderten Technikfläche wird im Plan keine Aussage getroffen und bleibt somit ungeklärt. Der Serviceblock widerspricht in seiner Grundstruktur seiner inneren Organisation. Seine Wahrnehmbarkeit wird aufgrund seiner Größe diskutiert, jedoch setzt der Entwurf auch hier durch die Reduzierung auf das Wesentliche seine Grundidee konsequent fort und bleibt seiner Linie treu. Aufgrund seiner einzelnen baulichen Elemente ist eine bauabschnittsweise Entwicklung möglich.

Die versprochene Leichtigkeit der Schirme wird aufgrund des kommunizierten intensiv (extensiv?) begrünten Dachaufbaus in Frage gestellt. Nicht nachvollziehbar ist die Positionierung freistehender und fremdartig anmutender Ladesäulen neben den Schirmen. Die einzelnen Schirme garantieren darüber hinaus keine vollends witterungsgeschützte Zuwegung zum Serviceblock. 

Die gewählte Vegetation der Obstbäume und extensiven Blühwiesen verspricht einen hohen positiven Beitrag zu Biodiversität. Jedoch sollte die Baumauswahl im unmittelbaren Bereich der Stellplätze nochmals kritisch hinterfragt werden. Der geringe Versiegelungsgrad wird positiv bewertet. Die landschaftlich-romantische Anmutung des Zusammenspiels von extensiven Vegetations- und Wegeflächen wird hinsichtlich Unterhalt und Pflege kritisch bewertet.

Insgesamt bietet die Arbeit aufgrund ihrer Gelassenheit einen ökologisch wertvollen, nachhaltigen und wohltuend unaufgeregten Beitrag, dessen konsequente Umsetzung überzeugt. Unsicherheiten verbleiben, ob die Arbeit in ihrer Schlichtheit vor dem Hintergrund des dörflich-landschaftlichen Umfelds die erforderliche Anziehungskraft ausstrahlen kann.

 

Erläuterungstext zum Entwurf

Erläuterungstext

Streuobstwiese

Eine Streuobstwiese bildet den Übergang zwischen dem Industriegebiet mit den Großbauten und dem wunderschönen Naturraum rund um den Goldbergsee. ist Teil der Kulturlandschaft und doch auch Naturraum. Der Obsthain nimmt Bezug auf den Ort und seine Umgebung als Teil der Coburger Kulturlandschaft. Durch seine Atmosphäre entsteht ein besonderer Naturraum. Starkwüchsige, hochstämmige und großkronige Obstbäume im typischen Raster locker gesetzt und mit verschiedenen Blühwiesen unterpflanzt. Alljährlich kündigen die blühenden Obstbäume das Frühjahr an und liefern im Herbst gesundes Obst.

Bedacht

Im gleichen Raster eingesetzt, ein Schirm. Mehrere Schirme. Unter den Schirmen jeweils eine Säule mit zwei Ladepunkten. Die Bedachung der Ladeplätze ist Teil der Streuobstwiese, Gebautes und Gewachsenes, Parken, Laden, Entspannen verweben sich. Durch die Auflösung und Modularität kann die Topographie erhalten bleiben, muss nicht eingeebnet werden, die Schirme folgen leicht höhenversetzt dem natürlichen Gefälle.

Eintauchen

Zwischen dem Laden tauchen wir ein in den Hain, bewegen uns schleichend langsam vorwärts – der Hain öffnet und weitet sich zu einer Lichtung. Wir entdecken den Duft der Wiese, ihre Farben, die Struktur der Äste. Wir nehmen diese ganze Welt in uns auf.

Wegenetz

Die Wege folgen der Rastergeometrie der Streuobstwiese weite Diagonalen aus hellem abgestreuten Asphalt erschließen die verschiedenen Raumsequenzen und Atmosphären des Obsthains und verbinden diese verscheidenen Punkte. An den Gabelungen weiten sich die Wege, laden ein zum Innehalten, Umblicken, Verweilen. Das Wegenetz wird zur Brücke, die weiter führt zum Goldbachsee. Als zweite Schicht entstehen Pfade aus locker befestigtem Schotter in den Wiesen, sie erschließen Orte und Lichtungen und werden zu Aufenthaltsflächen.

Natürlich

Kein Park, keine aufwändige Pflege hochgezüchteter Pflanzen, nur im Herbst ernten. Verschiedene heimische Obstsorten machen den Wechsel der Jahreszeiten spürbar. Blühende Kirschen prägen das Bild beim Ankommen. Im Parkplatzbereich stehen Ziergehölze, hölzer so dass es nicht zu Störungen kommt. Die Wiesenflächen werden durch Staudenansaaten ergänzt, Lebensraum für eine artenreiche Lebensgemeinschaft aus Vögeln, Bienen, Insekten und Kleintieren. Zur Landschaftspflege können Schafe eingesetzt werden. Anfallendes Regenwasser wird in Mulden zurückgehalten und dient der Kühlung bevor es gereinigt versickert. Ein lockerer Saum aus mehrstämmigen Laubgehölzen lenkt die Blicke, schirmt ab und schafft gezielt Ausblicke. Mit der leicht ansteigenden Topographie entwickelt sich auch der Obsthain, strahlt in die Umgebung aus und lädt ein.

Orte

Freistehende filigrane über Tracker gesicherte Stühle stehen in Gruppen in den Wiesen und Schotterflächen, können nach Bedarf genutzt, vertragen, zusammengestellt werden in der Sonne oder im Schatten. Eine große Holztafel lädt zum gemeinschaftlichen Picknik ein und regt das Gespräch an. In einer zentralen Lichtung lockt ein Kletterhain aus Naturstämmen. Am höchsten Punkt können wir am Aussichtspunkt den Goldbachsee funkeln sehen. Der Hessenhof ist Teil dieses Ortes, genauso wie die Radfahrer*innen, die die Region erkunden, vielleicht länger im Obsthain verweilen und an einem der Schirme das Zweirad laden.

Service

Unter einem Schirm, um einen kleinen begehbaren Innenhof lädt der Servicebereich die Ankommenden und Wartenden ein, ringförmig organisiert mit Automaten zum Verköstigen auch des gepflückten, wohlschmeckenden Obsts aber auch dem WC zum Erleichtern und Duschen. Die Lounge und der öffen- und betretbare Hof laden zum Verzehr ein. Die notwendige zentrale Technik ist in einem von aussen betretbaren Untergeschoss angeordnet, die Trafos dezentral unter eigenen Schirmen, jeweils gut anfahrbar.

Einfach

Die Tragstruktur der Schirme ist einfach, die felgenartige Struktur an japanische Schirmenan japanischen Schirmen angelehnt. Die eingespannte, dem Kräfteverlauf folgende mittig Stütze massiv aus Recyclingbeton gestampft – damit auch geschützt im Stoßbereich, gesichert gegen Anprall, Korrosion etc.. Darauf filigran aufgelöst im Kontrast die feingliedrigen Äste der Schirme – die Spanten des Dachs jeweils mittig unterstützend. Natürlich resourcenschonend in Holz mit einfachen Holz-Holz Fügungen ohne aufwändige Stahlbauteile. Aufgelegt Holzwerkstoffplatten trichterförmig leicht nach innen geneigt und oberseitig begrünt, bei Bedarf mit einem quadratischen Feld an PV Modulen, In der vorgefertigten Stütze ist das Fallrohr werkseitig eingelegt.

Nachhaltig und Zirkular

Im Inneren des Serviceblocks sind die Holzbauteile weißlich hell geölt und geseift, außen vergrauen die Holzbauteile silbrig, bilden eine Einheit mit dem Gewachsenen. Die Anmutung innen und außen lebt von der Schönheit des Holzes, dessen Textur die Geschichte des Wachstums und dessen Patina die des Gebrauchs erzählt. Die hellen Holzfenster und die filigranen Metallbauteile harmonieren mit dem Material- und Farbkonzept. Die Böden sind entsprechend dem angestrebten werkstattartigen Charakter als homogener heller, matt geschliffener Lehmestrich konzipiert und damit dem Nutzungskonzept entsprechend belastbar. Bei der Materialwahl sind Nachhaltigkeit, Lebenszyklus und die Schonung der natürlichen Ressourcen besonders berücksichtigt.

Leuchtend

Der Schirm ist Bedachung und Reflektor zugleich. Mit 4 Strahlern werden die Schirme unterleuchtet und bilden damit eine gleichmäßige Belichtung über den Ladesäulen aber auch nach außen eine stimmungsvolle und weithin sichtbare Anmutung.